Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten

Irvin D. Yalom: Wie man wird, was man ist. Memoiren eines Psychotherapeuten, aus dem Amerikanischen von Barbara v. Bechtolsheim, ISBN: 978-3-442-75662-9, 1. Auflage, btb 2017.

https://www.randomhouse.de/content/edition/cover/350px/9783442756629.jpgDer 1941 in Washington D.C. geborene Irvin David Yalom beschreibt in seinen Memoiren seine persönliche, wissenschaftliche und schriftstellerische Entwicklung. Der US-amerikanische Psychotherapeut lässt uns an der Entstehung einzelner Werke und dem Reifen seiner wissenschaftlichen wie therapeutischen Auffassungen teilhaben. Er ist Begründer der Gruppentherapie und der existenziellen Psychotherapie. Daraus resultierend nimmt die Auseinandersetzung mit dem bevorstehenden Tod seiner schwerkranken Patient*innen und folgerichtig auch mit dem eigenen Tod im weiteren Verlauf größeren Raum ein. Auch gegenüber der Online-Therapie zeigt er sich spät in seiner Karriere noch aufgeschlossen.

Auffallend ist, dass Yalom vorrangig männliche und ja, meistens weiße Autoren des klassischen Wissenskanons rezipiert. Ähnlich „begrenzt“ wirkt die Tatsache, dass Yalom so viele politische Bewegungen und Entwicklungen der Zeit, z.B. die Bürgerrechtsbewegung oder den Vietnamkrieg, fast vollkommen ausspart. Dem schreibwütigen Autor liegt die innere Auseinandersetzung mehr, für die er sich regelmäßig mit seiner Frau Marilyn Yalom, ebenfalls Wissenschaftlerin, auf paradiesische Inseln zu Schreib-Retreats zurückzieht. Irritierend ist die geringe Beschreibung des Zusammenlebens mit den Kindern bei dem maßgeblichen Entwickler einer gruppenorientierten therapeutischen Form. Dies kann sicherlich auch dem Schutz und der Anonymität der Familienmitglieder dienen. Auch das Thema der Gleichberechtigung – Marilyn Yalom blieb die Professur als verheiratete Frau in den USA versagt – bleibt unthematisiert.

Faszinierend sind dagegen die Aufblätterung des eigenen Denkens, das Generieren der Schlüsse aus der Lektüre insbesondere philosophischer Texte und die Reflexionen des Autors über sein eigenes Werden. Die Übersetzung findet eine treffende Sprache für Yaloms Gedanken, macht auch komplexe Überlegungen nachvollziehbar. Keine Gnade lässt der Autor bei namhaften Wissenschaftlern walten, die ihn im persönlichen Kontakt enttäuscht haben, was angenehm ehrlich ist. Anhand der suchenden Reflexionen des Autors lässt sich auch das eigene Leben erneut und anders ansehen, was die Lektüre persönlich sehr fruchtbar machen kann.

Foto: btb, Random House.